Religion

Wie stehen Religionen zu den Themen Homosexualität, Bisexualität und Trans*?

Hast du einfach Interesse an verschiedenen Ansichten über dieses Thema oder stammst du selber aus einem religiösen Umfeld und suchst nach deiner eigenen Position darin? Hast du dich schon über feindliche Äusserungen religiöser Kreise genervt? Erwartest du von Religionen Antworten auf die Fragen nach einem Sinn des Lebens? Auf jeden Fall hast du hier ein spannendes und spannungsgeladenes Gebiet vor dir. Bevor du dich mehr mit diesem Thema vertiefst, ist es uns wichtig, dass du weisst, dass Homosexualität, Bisexualität oder Trans* vollkommen normal ist, egal, was Menschen, die einer Religion angehören, sagen. Auch kann dich deswegen niemand zwingen, deine Religion aufzugeben.

Die gleiche Religion, aber verschiedene Ansichten

Religionen existieren nie losgelöst von Menschen, sie verstärken oft vorherrschende Meinungen und Vorurteile, manchmal nehmen sie aber auch eine Gegenposition ein. So finden sich innerhalb derselben Religion die unterschiedlichsten Standpunkte und Glaubensüberzeugungen, die sich oft bitter bekämpfen. Da  begegnen dir im religiösen Umfeld erschreckende homophobe und transphobe Äusserungen und Einstellungen, in derselben Religion finden sich aber auch Menschen, die mit  religiösen Argumenten für eine Akzeptanz kämpfen. Die meisten Religionen beziehen sich dabei auf Bücher, Überlieferungen und Schriften wie etwa die Bibel oder den Koran. Hier findet aber niemand klare Wahrheiten, sondern diese Schriften müssen immer wieder neu interpretiert und gelesen werden.

Begriffe wie Homosexualität, Bisexualität und Trans* sind relativ neu und du findest sie nirgends in diesen religiösen Überlieferungen, wohl aber Hinweise darauf, dass sich Menschen vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen oder die ihnen zugewiesene Geschlechtsidentität nicht annehmen.

Zu den untenstehenden Religionen findest du bei den Links Websites, die dir eine weitere Auseinandersetzung ermöglichen. Wir können dir auch Kontaktdaten von Personen aus den einzelnen Religionen vermitteln.

Hinduismus

Hinduismus ist ein Sammelbegriff für die verschiedensten religiösen Strömungen und Überlieferungen, die aus Indien stammen und die sich auf verschiedene Göttinnen und Götter beziehen. Religiöse Führerfiguren (meist männliche ‚Gurus‘) tragen diese Traditionen weiter. Die hinduistische Gesellschaft ist stark in sogenannte Kasten eingeteilt. Die Rollen von Mann und Frau sind innerhalb dieser Kasten streng geregelt, das Heiraten hat einen grossen Stellenwert. Für Menschen ist es nicht einfach, aus diesen Rollensystemen auszubrechen und sich traditionellen Ehen zu entziehen. Doch gewisse religiöse Lehrer_innen zeigen eine offenere Haltung oder es gibt beispielsweise Klostergemeinschaften, in denen junge Männer Tanzformen lernen, um mit diesen den Gott Krishna zu verführen. Offiziell und auch in amtlichen Dokumenten sind in Indien und Pakistan die Hijdars als sogenanntes ‚drittes Geschlecht‘ anerkannt. Sie identifizieren sich nicht als Mann oder Frau und spielen bei Zeremonien und Feiern, etwa Hochzeiten und bei der Geburt von Söhnen, eine wichtige Rolle. Oft leben sie aber am Rande der Gesellschaft.

Buddhismus

Der aus dem Hinduismus herausgewachsene Buddhismus kennt verschiedene Strömungen und ist geprägt von zumeist männlichen Mönchstraditionen. Oberstes Ziel ist das Entrinnen aus dem leidvollen Kreis der Wiedergeburt. Liebe, Lust und Leidenschaft sind Hindernisse auf diesem Weg. Die gütige Hinwendung zu den Menschen und Geschöpfen hingegen fördert das eigene Karma und die Chance auf ein besseres Schicksal in einem neuen Leben. Jeder Mensch muss darin seinen eigenen Weg finden, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Doch je nach gesellschaftlichem Umfeld und Land finden sich im Buddhismus strikte Verurteilungen von Homosexualität bis hin zu einer allgemeinen Akzeptanz einer Vielfalt.

Judentum

In der jüdischen Überlieferung wird die Erzeugung von Kindern als Zeichen von Gottes Gnade gewertet. Alles, was Nachkommen erzeugt, erscheint in einem positiven Licht. Die Sexualität zwischen zwei Männern wird deshalb in der jüdischen Tora scharf verurteilt, wobei es keine Hinweise darauf gibt, dass die angedrohte Todesstrafe auch jemals wirklich vollzogen wurde. Andererseits finden sich auch poetische Texte und Erzählungen mit einem homoerotischen Unterton, etwa die Liebesbeziehung des späteren König Davids zum Königssohn Jonathan. Traditionelle Kreise im Judentum verurteilen auch heute noch Homosexualität mit Hinweis auf diese Gesetzesbestimmungen, ungeachtet dessen, dass viele andere Regeln aus derselben Quelle heute als überholt gelten. Demgegenüber stehen liberale jüdische Gemeinden, in denen homosexuelle Paare heiraten und auch die Gemeindevorsteher (die sogenannten Rabbiner) offen schwul leben können.

Christentum

In der christlichen Überlieferung findet sich keine einzige Aussage von Jesus, die sich gegen die Homosexualität oder gegen ein Ausbrechen aus Geschlechtsnormen richtet. Im Gegenteil, er verurteilt Ausgrenzungen scharf und schützt beispielsweise eine von der Steinigung bedrohte  Ehebrecherin mit dem Hinweis: „Wer von euch ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Der Apostel Paulus, der Jesus selber nicht persönlich gekannt hat, geht in zwei Stellen seiner Briefe an die ersten christlichen Gemeinden auf das Thema ein. Die im griechischen Umfeld offen gelebte Homosexualität ist für den jüdisch geprägten Paulus nicht nachvollziehbar und er erachtet sie als eine der zahlreichen Verirrungen der Gesellschaft. Gleichzeitig betont er aber, dass der Glaube an Jesus alle anderen trennenden Hindernisse in den Schatten stellt, egal, welche Geschlechtsidentität man habe, welcher Nationalität man angehöre oder ob man frei oder als Sklave geboren sei. Die spätere christliche Tradition beruft sich häufig auf diese Verurteilungen. In der späteren Geschichte des Christentums und der Kirche wechseln sich Phasen einer halbherzigen Toleranz und scharfen Verfolgungen und Ablehnungen ab. Diese Auseinandersetzung ist bis heute spürbar. Kirchliche Gruppierungen und Lehrmeinungen gehen stark und oft voller Hass gegen Homosexuelle und Trans* vor, auf der anderen Seite wird homosexuelle Liebe heimlich oder öffentlich gesegnet. Es gibt offen schwule und lesbische Gemeinden mit Gottesdiensten und auf Kirchtürmen wird sogar zu speziellen Anlässen die Regenbogenfahne gehisst.

Islam

Heute sieht die islamische Welt, die einst bekannt für ihre Offenheit war, aus, als ob sie eine Welle der Homophobie ergriffen hätte. Homosexualität und Islam, das scheint nicht zusammenzupassen – ein Trugschluss. Homosexualität war und ist also auch ein Bestandteil der islamischen Kultur. In der Vergangenheit wurde sie sogar toleriert, in der heutigen Zeit wird sie traurigerweise verurteilt. Theoretisch bestraft der Islam zwar die Homosexualität, jedoch wurde und wird sie in der Praxis trotzdem gelebt.

Eine Ablehnung von Homosexualität ist heute in islamisch geprägten Kulturen und Ländern weit verbreitet und oft gesetzlich verankert. Wenn man Muslime auf das Thema anspricht oder einen Islamgelehrten und Koranausleger fragt, was der Koran zur Homosexualität sagt, werden sie ohne Zögern sagen, er verbiete sie, sehe sie als Sünde und fordere scharfe Strafen. Doch damit liegen sie falsch. Denn ein näheres Hinsehen zeigt, dass gleichgeschlechtliche Liebe im Koran weder explizit thematisiert noch problematisiert wird. Im Koran existieren insgesamt sieben zentrale Stellen, die mit mann-männlicher Sexualität in Verbindung gebracht werden. An diesen Stellen geht es um die Lot Geschichte aus dem alten Testament, die im Islam wie auch im Christen- und im Judentum gleichermassen Bedeutung hat. Die vorherrschende Ablehnung oder Untersagung gleichgeschlechtlicher Liebe stützt sich auf diese Lot-Geschichte, die eigentlich gar nichts mit der Homosexualität zu tun hat. Im Koran gibt es keinen Begriff, der mit der Homosexualität gleichzusetzen ist, denn Homosexualität ist ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Auch von Sex spricht er nie explizit. Diese Begriffe kommen schlicht nicht vor. Der Widerspruch zwischen Islam und Homosexualität kann daher nicht offiziell bewiesen werden. Trotzdem ist das aus Hadithen entstandene islamische Recht in seiner Starrheit erschreckend und verurteilt Homosexualität nach wie vor. In der aktuellen Situation wird sie sogar verstärkt kriminalisiert, um sich noch stärker vom liberaleren Westen abzugrenzen. Verschwiegen wird, dass Homosexualität früher ein Bestandteil der islamischen Kultur war. Umso wichtiger ist es, den Koran vor seinem geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergrund zu lesen. Denn Allah ruft die Menschen zu keiner Zeit dazu auf, Homosexuelle zu bestrafen. Es sind die von ihm geschaffenen Menschen, die ihn nicht verstanden haben oder verstehen wollen.